Todesschüsse an der Friedensgrenze

von Diplom-Historiker Günter Fromm |

Staatsanwaltschaft ermittelt, polnische Instanzen schweigen sich aus.

(fp) Als ich vor einigen Jahren an der Vervollständigung der Liste der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft für Fürstenberg (ab 1961 OT Eisenhüttenstadts) arbeitete, erfuhr ich u. a. durch den Bewohner in der Fürstenberger Oderberge 23, Helmut Padel, von erschossenen Fischern. Sie waren in der Nachkriegszeit beim Fischen auf der Oder ums Leben gekommen.

Dabei handelt es sich um die Brüder Klinke aus den Oderbergen. Daraufhin konnte ich mich mit Nachkommen der Familie in Verbindung setzen. Die Tochter von Richard Klinke, Edeltraud Kockoth, berichtete mir, daß ihr Vater Ende Mai 1945 mit seinem Freund, dem Schiffer Hermann Schilling, auf der Oder fischen ging – mit Genehmigung der sowjetischen Besatzungsmacht, denn die Oder war inzwischen dem kommunistischen Polen als Grenze seiner „wieder gewonnenen Westgebiete” zugesprochen geworden.

Durch Schüsse von der Ostseite der Oder erhielt Richard Klinke einen Steckschuß in den Kopf. Schilling ruderte mit dem Schwerverletzten schnell an das Ufer und von dort trug er ihn nach Hause. Ohne daß der Fischermeister sein Bewußtsein wieder erlangte, starb er einige Tage später am 2. Juni 1945.

Opfer polnischer Grenzer

Als im September 1948 Fischermeister Karl Klinke in Begleitung seines Bruders Max Klinke, der Schlosser von Beruf war, auf die Oder zum Fischen hinausfuhr, war es deren letzte Fahrt. Sie kehrten nicht zurück und blieben unauffindbar. Ihr Boot wurde zwar von auf der Oder verkehrenden Schiffern am Weißen Berg gesichtet, wo es sich im Schilf an der Mündung des Neißkersees in die Oder (also auf polnischer Seite) verhakt hatte, aber von den Gesuchten ließ sich keine Spur finden. Auch eine Patrouillenfahrt mit einem Boot der in Fürstenberg stationierten Einheit der Dnepr-Flottille erbrachte nichts. Damit hatten die Klinkes drei Brüder durch Todesschüsse an der sogenannten Friedensgrenze verloren.

In dem Zusammenhang fiel mir wieder ein, was ich in der Broschüre über die ersten Nachkriegsjahre in Guben und in einer Broschüre des Frankfurter Historischen Vereins gelesen hatte. Auch darin ging es um Erschossene an der Grenze. In Frankfurt (Oder) war es der 49-jährige Dachdeckermeister Otto Schulz, der am 14. Juli 1945 beim Angeln an einer Buhne auf der westlichen Seite der Oder  durch einen Schuß vom Ostufer getötet wurde.

Fischermeister Richard Klinke

Schüsse auch auf Kinder!

In Guben handelt es sich um den 10jährigen Dieter Franke, der am 15. Juli 1945 erschossen wurde. Hier sind Polizeiprotokolle erhalten, die in der Broschüre „Guben 1945/46 – Berichte, Dokumente, Diskussionen” veröffentlicht worden sind und eindeutig belegen, daß polnische Grenzposten in diesem und in weiteren Fällen mit der Maschinenpistole über die Neiße geschossen haben. Am 15. Juli 1945 war es so, daß in eine Schar Kinder geschossen wurde!

Aus Gartz/Oder berichtete mir Erdmann Hefter über einen Mordfall. Danach wurde Peter Wegner 1948 beim Angeln erschossen.

Weitere Morde entlang der Oder

Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv stieß ich in der Akte „Tagesmeldungen an das Landeskriminalamt” auf weitere Morde. So wurde infolge einer „Schießerei durch drei polnische Soldaten” der Fischer Gustav Kolle in der Nacht vom 18. zum 19. Juni 1946 durch einen Bauchschuß schwer verletzt. Im Schwedter Krankenhaus erlag er “seinen erlittenen Verletzungen.”

Am 13.09.1946 wurde der als Flurschutz eingesetzte Gustav Haschick aus Breslack bei Guben mit einem Kopfschuß schwer verwundet aufgefunden. „Als Täter kommen 2 Personen in der Uniform der polnischen Armee in Frage. Es wurde beobachtet, wie diese kurze Zeit nach dem Schießen über die nahe polnische Grenze geflohen sind. Die zuständige russische Kommandantur ist benachrichtigt. Weitere Ermittlungen laufen.” Auch in diesem Falle konnte ich mich mit Hinterbliebenen in Verbindung setzen. Die Tochter von Gustav Haschick, Helene Oltmann, heute Guben, berichtete mir, von der Tötung durch polnische Soldaten sei ihrer Mutter von der Volkspolizei wider besseres Wissen damals nichts berichtet worden.

Bei der Recherche in Breslack erhielt ich auch Nachricht von dem Mord an einer Tochter des Müllermeisters Schütz. Sowjetische Soldaten waren 1946 in die abgelegene Mühle eingedrungen, um zu plündern. Die Müllerstochter lief ihnen hinterher und wurde deshalb erschossen. Viele weitere Verbrechen der Besatzungsmacht sind auch in den Polizeiakten des Landeshauptarchivs in Potsdam dokumentiert. Wohl jeder vierte Kriminalfall wurde durch Rotarmisten begangen. Es sind durch sie zahlreiche Morde, Raubmorde, Vergewaltigungen und Raubzüge verzeichnet. Die Fälle wurden den zuständigen Kommandanturen übergeben, heißt es in den Meldungen. Deutsche Behörden erfuhren nie etwas über Ermittlungen und Bestrafungen der Täter.

Das Verschollensein der Brüder Karl und Max Klinke, drei Jahre nach Kriegsende, hat mich am meisten bewegt. So erstattete ich 2004 Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt (Oder). Damals ging es um die drei Morde in Fürstenberg und den einen in Frankfurt (Oder). Nach der Bearbeitung der Fälle, auch unter Anfrage in Posen (Poznan), erhielt ich am 25. Juli 2006 den Bescheid:

„Zum Tatzeitraum habe es auch bewaffnete Überfälle durch polnische Banden gegeben. Deshalb habe ich das Ermittlungsverfahren … eingestellt. Sollten Sie weitere geeignete Hinweise mitteilen, werde ich eine Wiederaufnahme des Verfahrens prüfen.”

Das ist inzwischen geschehen. Weil ich neue Hinweise und Erkenntnisse im Archiv gefunden habe, läßt die Staatsanwaltschaft seit Mai 2009 erneut ermitteln.

Waren Mordlust oder Deutschenhaß Motive für die acht Morde?

Lassan und Usedom sollten polnisch werden

Bekannt ist eine Karte des polnischen Westinstituts in Posen, wonach das kommunistische Polen eine Grenze zirka 20 Kilometer westlich der Oder und Neiße beanspruchte, aber auch 20 Kilometer westlich der Insel Usedom. Damit sollten auch das Dorf Freest sowie die Städte Wolgast und Lassan zum polnisches Staat kommen.

Laut Potsdamer Protokoll vom August 1945 sollte zwar Swinemünde polnisch werden, aber dann sollte die Grenze exakt in der Flußmitte entlang der Oder und Neiße verlaufen. Damit wäre auch Stettin wie Frankfurt, Guben und Görlitz geteilt worden. Entgegen den Abmachungen der drei Siegermächte wurde der „Stettiner Zipfel” mit dem Schweriner Vertrag vom 21. 09. 1945 aus der Sowjetischen Besatzungszone herausgelöst und Polen als Teil der polnischen Besatzungszone übergeben.

Von polnischer Seite geforderter Grenzverlauf

Polen wollten vollendete Tatsachen schaffen

Dieser Coup hatte die Machthaber in Polen sicherlich ermuntert, an der gesamten Demarkationslinie einen „Sicherheits-“ Puffer zu fordern und das mit Schüssen auf Personen, die sich an der Oder und an der Neiße aufhielten, zu bekräftigen. Eine Parallele sehe ich auch zu 1922, als es Polen mit Hilfe Frankreichs und außerhalb der Festlegungen im Versailler Friedensvertrag gelang, daß nicht die Grenze in der Mitte der Weichsel verläuft, sondern auf ostpreußischem Gebiet und somit die Provinz nicht nur vom Reich, sondern auch von einer freien Wasserverbindung zur Ostsee abgeschnürt wurde. Hätten alle Schüsse getroffen bzw. wären alle Schüsse gezielt abgegeben worden, so auch bei Lebus, hätte es sicherlich weit mehr Tote gegeben. Allerdings habe ich noch nicht in den Landesarchiven in Schwerin und Dresden recherchiert, die für weitere Abschnitte der Grenze relevant sind. Was jedoch das Archiv in Potsdam betrifft, so sind dort nicht alle Todesschüsse dokumentiert, die ich vor Ort ermittelt hatte. Außerdem sind die Unterlagen lückenhaft.

Ab 1946 bildeten die mitteldeutschen Länder Einheiten der Grenzpolizei, die es der anderen Seite sicherlich immer schwerer machten, unbeobachtet hinüberzuschießen und zu morden.

Schützt Polen Mörder?

Es wird wohl kaum gelingen, nach so langer Zeit, aber auch wegen mangelnder Kooperation des polnischen Staates, mutmaßliche Mörder zu ermitteln, anzuklagen oder gar vor Gericht zu bringen. Wie schwierig das ist, merke ich bereits an dem Schweigen polnischer Zeitungen und denen bei uns, die sich mit Polen beschäftigen, wie z.B. „Polen und wir”. Kein Sterbenswort ließ bislang eine der angeschriebenen Redaktionen und Institutionen vermelden, darunter das Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Auch der Direktor des Collegium Polonicum in Slubice, Krzysztof Wojciechowski, dem ich vor zirka einem dreiviertel Jahr Kopien des Schreibens an die Staatsanwaltschaft und des Textes über die „Todesschüsse“ übergab, läßt nichts von sich hören, obwohl er versprach, sich zu melden.

Kann etwa nicht sein, was nicht sein darf?


Nachtrag

Mit Schreiben der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) vom 01. März. 2010 erhielt ich den Bescheid, „das Verfahren ist eingestellt worden, weil ein Täter nicht ermittelt werden konnte.“ Zuvor erhielt ich bereits mit Datum vom 19. Februar 2010 ein Schreiben derselben Staatsanwaltschaft, daß der Tod des Dachdeckers Peter Wegner, Gartz/Oder, am 17. Juni 1948 laut Personenstandsbuch „durch Ertrinken festgestellt“ wurde.

Ist hier die wahre Todesursache vertuscht worden?

Erinnert sei an die unvollständigen Angaben, die die Volkspolizei wider besseres Wissen gegenüber der Witwe des Gustav Haschick, Breslack/Neiße gemacht hat. Und Klaus Franke, Guben, berichtete mir, daß beiseiner Mutter, nachdem sie einmal in der Öffentlichkeit äußerte, ihr Sohn Dieter sei von Polen erschossen worden, die Staatssicherheit bei ihr war, um ihr zu verbieten Derartiges zu behaupten, obwohl die Protokolle was anderes aussagen.

Diese Protokolle wiederum konnte sie nicht erwähnen, da sie über einen Verwandten bei der Kriminalpolizei illegal in ihren Besitz gelangt waren. Im Gubener Mordfall will ich mich jetzt mit der zuständigen Staatsanwaltschaft Cottbus in Verbindung setzen, weil es offenbar die Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht getan hat.

Allerdings dürften Ermittlungen erst recht ohne Ergebnis verlaufen, wenn die polnischen Ermittlungsbehörden und die polnische Öffentlichkeit nicht einbezogen werden. Offenbar wurde dies von staatswegen bislang nicht ernsthaft betrieben. Aber da will ich weitere Möglichkeiten erwägen.

Die juristische Aufarbeitung muß weiterhin angestrebt werden, solange noch Täter leben könnten, ansonsten messen wir, was die Zeit bis Kriegsende und jene nach Kriegsende betrifft, mit zweierlei Maß.


Dieser Artikel kann als Sonderausgabe des Lassaner Boten hier als PDF eingesehen und heruntergeladen werden.


 
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Quelle| http://www.freies-pommern.de/
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