Am 10. Januar 1797 wurde Annette von Droste-Hülshoff auf der westfälischen Burg Hülshoff bei Münster geboren. Sie stammte aus den gefestigten Schranken eines westfälischen Adelsgeschlechts. Bedingt durch ihre Frühgeburt war sie ein kränkliches Kind, was sich erst im Laufe der Jahre besserte.
Als sie in die Aufgelöstheit ihres Jahrhunderts hinaustrat, blieben die alten Bindungen wirksam. Die Wirren der Zeit brachen nicht so umstürzend, aufwühlend, fragend und fordernd in dieses strenge, gesammelte Leben ein. Und dennoch wurde sie von mancher seelischer Not bitter geschlagen. Dieses Leiden gab ihren Werken die Tiefe.
Uns allen ward ein Kompass eingedrückt. Noch keiner hat ihn aus der Brust gerissen: Die Ehre nennt ihn, wer zur Erde blickt, und wer zum Himmel, nennt ihn das Gewissen.
Mit ihrem sehnsüchtigen Schweifen in die Ferne und der immerwährenden Entgrenzung in das Weite offenbart sich das nordische Wesen in den Werken. Die Formen und Farben der Heide und des niederdeutschen Raumes, deren Rhythmus und Atmosphäre finden sich in dieser Seele wieder. Die Heidemenschen sind die nach innen Lauschenden und Verträumten. Sie stellen die großen Mystiker, die Träumer, die Stillen im Lande. Das Moor, der Nebel und die Birken über der Heide, Spuk und Geheimnis rinnen zu geisternden Bildern zusammen.
Ganz tief hat Annette von Droste-Hülshoff, die man zwang, “gleich einem artigen Kinde” im abgezirkelten Kreis ihres Standes sitzen zu bleiben, in die ringende Menschenseele und die geheimnisreiche Natur hineingesehen und in ihrem fraulich erfühlten Werk eine stille, sehr herbe Welt geformt.
Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie am Bodensee. Dort entstand auch ein Großteil ihrer weltlichen Gedichte. Am Nachmittag des 24. Mai 1848 verstarb Annette von Droste-Hülshoff auf Schloss Meersburg an einer schweren Lungenentzündung.
Neben Marie von Ebner-Eschenbach war sie eine der ersten großen Frauengestalten unserer Dichtung, die im 19. Jahrhundert gewirkt haben. Im Andenken an Annette von Droste-Hülshoff gab die Bundesbank 1992 neue 20-DM-Scheine mit dem Porträt der Dichterin heraus.
Der Knabe im Moor
Oh schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt,
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob mann es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind -
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!Voran, voran! nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstische Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
“Ho, ho, meine arme Seele!”
Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide!Annette von Droste-Hülshoff




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