Von der Bedeutung, unsterblich zu sein

(sfb) Die Geschichte wird nicht von Epochen gemacht, sondern von Persönlichkeiten, die die Menschen ihres Volkes begeistern. So ist die Idee der Unsterblichkeit ein persönlicher Glaube an etwas Bleibendes, zu dem man niemand zwingen kann, kein theoretisches Wissen, sondern ein seelisches Empfinden. Mutter und Vater zu werden ist der Beginn der Unsterblichkeit. Opfer zu bringen ist der Beginn der Unsterblichkeit: „Vor dem Tod erschrickst du? Du wünschest, unsterblich zu leben? Leb im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.“ (Schiller). Nach Diderot besteht die Unsterblichkeit nur im Fortleben im Andenken der Nachwelt.

Damit ist das Fortwirken eines großen Ganzen oder das Fortleben im Gedächtnis der Nachwelt gemeint und kann daher im übertragenen Sinne nur eine Unsterblichkeit genannt werden. Metaphysisch schließt man: „Mit dem Wesen der Seele ist das Leben verbunden; sie kann also gar nicht anders als lebend gedacht werden.“ (Platon). „Die Seele ist das Immerbewegte, das Prinzip der Bewegung, und darum unvergänglich.“ (Alkmaion, Platon). Oder Hegel: „Der Geist ist ewig, weil er, als die Wahrheit, selbst ein Gegenstand, und so von seiner Realität untrennbar ist.“

Der Theoretiker wird sich nicht leicht zu diesem Glauben bekennen, der Idealist hingegen wird von seinem Standpunkt aus am unmittelbarsten zu dem Glauben an die Unsterblichkeit hingeführt werden. An Stelle der Unsterblichkeit setzt Nietzsche die „ewige Wiederkunft“. Zuviel der Theorie verkehrt die Unsterblichkeit des Menschen und lähmt das stufenmäßige Fortschreiten seiner Kräfte. Ohne Hang zur Unsterblichkeit aber wird er seiner tüchtigsten Mittel beraubt und ihm der Weg zu Höherem versperrt. Unsterblichkeit heißt immer, mehr entsagen, mehr leisten, mehr opfern, anstatt sich lähmender Genüsse hinzugeben. Nach J. E. V. Berger ist das Finden des Göttlichen in uns der Grund unseres Glaubens an Unsterblichkeit. Ein ewiges All bedinge eines ewigen Erkanntseins. (Grdz. d. Sittenlehre, 1827).

Dass die Unsterblichkeit des Ganzen als Notwendigkeit für das Leben jedoch ohne Tat, Glaube und Opfer undenkbar ist, wusste bereits Goethe: „Der Mensch soll an Unsterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es ist seiner Natur gemäß, und er darf auf religiöse Zusagen bauen; wenn aber der Philosoph den Beweis für die Unsterblichkeit unserer Seele aus einer Legende hernehmen will, so ist das sehr schwach und will nicht viel heißen. Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag.“

J. P. Eckermann antwortete auf diese Worte Goethes: „Mein Herz schlug bei diesen Worten vor Bewunderung und Liebe. Ist doch, dachte ich, nie eine Lehre ausgesprochen worden, die mehr zu edlen Taten reizt als diese; denn wer will nicht bis an sein Ende unermüdlich wirken und handeln, wenn er darin die Bürgschaft eines ewigen Lebens findet!“

Nur so werden wir unsterblich, nur so wird die Nachwelt uns nicht vergessen.


 
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Quelle| http://senftenberger.blogspot.com
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